Über das Projekt 

Woher kommen wir? 

Diese Frage stand ganz am Anfang. Für viele Menschen lässt sich die eigene Familiengeschichte zumindest einige Generationen weit recht selbstverständlich erzählen. Man kennt Eltern und Großeltern, vielleicht noch die Namen der Urgroßeltern, weiß, aus welchen Orten die Familie stammt, kennt alte Geschichten, Fotos und Verwandte. Bei meinem Bruder und mir war das auf väterlicher Seite anders. Wir heißen Funk, doch „Funk“ ist nicht der Name unserer biologischen väterlichen Familie. Mein Vater wurde als Kind in der DDR von seiner Familie unfreiwillig getrennt und später von einer anderen Familie adoptiert, und starb zudem sehr früh. Damit entstand schon in seiner Generation ein Bruch zu der Familie, aus der wir biologisch stammen.

Wer waren seine Eltern? Woher kam seine Familie? Wer gehörte zu ihr? Diese Fragen sind bis heute unbeantwortet.

Irgendwann führte diese Suche zu dem Namen "Jagst". Meine biologische Großmutter väterlicherseits hieß "Ingrid Elisabeth Jagst" und wurde 1941 in Timstern geboren (zu meinem Großvater gibt es keinen Hinweis). Mit dieser Information öffnete sich eine völlig neue Spur. Sie führte nicht einfach in eine andere deutsche Stadt, sondern in das historische Memelland. Dort begegnete mir der Name Jagst nicht nur einmal. Je mehr historische Unterlagen ich sah, desto mehr Menschen mit gleichen oder sehr ähnlichen Namen tauchten auf. Gleichzeitig wurde die Sache komplizierter, denn neben Jagst erschienen Formen wie Jaxt, Jakszt, Jakštas, Jakstaitis, Jaksteit, Jaxteit und weitere Varianten.

So stellte sich die Frage, ob das verschiedene Familien sind – oder nur verschiedene Namens-Formen derselben verwandten Familie?

Gerade für das Memelland war dies die Schlüsselfrage, um mögliche Verwandte heute ausfindig zu machen.

Denn das Gebiet wechselte im Laufe seiner Geschichte mehrfach politische Zugehörigkeiten und ebenso die Verwaltungssprachen.  In der Region begegneten sich über Jahrhunderte deutsche, litauische bzw. preußisch-litauische und weitere regionale Sprachformen. Politische Zugehörigkeiten, Verwaltung und Schreibkonventionen wechselten mehrfach. Dies betraf dann oft nicht das gesamte Memelland, sondern nur einzelne Orte oder Kreise des Gebiets. 

Daneben wurden Namen von Pfarrern, Standesbeamten und Behörden unterschiedlich geschrieben, deutsche und litauische Formen standen nebeneinander, Endungen wurden hinzugefügt oder weggelassen, Lautungen unterschiedlich übertragen - nach Gehör. So war ein Jagst ein Jaxt ein Jakszt ein Jackscht - gehört wie "Jagscht´" .

Durch Eingemeindungen, verschiedene Verwaltungssprachen und politische Zugehörigkeiten konnte so ein in den Registern verzeichneter "Hans Jagschas aus Kalnuggen" im Laufe seines Lebens ein "Ansas Jagschies aus Altweiden" werden, und im älteren Kirchbuch-Eintrag konnte er wieder anders heißen, z.B. "Georg Jackschus" und dem Kirchspiel "Coadjuethen" zugeordnet sein. 

Die Vorstellung eines über Generationen exakt gleich geschriebenen Familiennamens lässt sich nicht auf das Memelland übertragen. Zugleich reicht aber eine bloße Namensähnlichkeit nach genealogischen Regeln nicht aus, um eine etwaige Verwandtschaft zu belegen.

Deshalb begann ich, nicht nur Namen zu sammeln, sondern Geburtsorte, Eltern, Ehepartner, Paten, Berufe, Besitzverhältnisse und historische Quellen wie Listen über Zölle und Steuereinnahmen miteinander zu vergleichen. Ich überprüfte nicht nur eindeutige Zusammenhänge, sondern ebenso statistische Muster, welche die Suche der Nachkommen und Namensträger vereinfachten.

Aus der Suche nach meiner Großmutter wurde immer mehr die Suche nach einer größeren Familienstruktur und den verbliebenen Namensträgern "Jagst" u.ä., die nahezu alle ihre Wurzel im Memelland haben.

Die Spuren führten dabei weit zurück, zurück bis ins 16. Jh. Die Orte wiederholten sich, Familien tauchten über mehrere Generationen hinweg in derselben Region auf, einzelne veränderte Formen diese Nachnamens ließen sich über Kirchenbücher und andere historische Dokumente verfolgen. Damit veränderte sich die ursprüngliche Frage grundlegend. Ich wollte nicht mehr nur wissen, wer meine unmittelbaren Vorfahren waren. Ich wollte verstehen, wer diese Familie überhaupt war. Wie lange lebten Menschen dieses Namens im Memelland? Wo lagen ihre Siedlungsschwerpunkte? Wie waren einzelne Familienzweige miteinander verbunden? In welchen Jahren und Jahrhunderten sowie Orten im Memelland taucht der Name und amtlich verwandte Schreibweisen auf? Welche Berufe übten sie aus? Welche Höfe, Grundstücke oder Unternehmen gehörten ihnen? Und vor allem: Was geschah mit ihren Nachkommen und wie geht es ihnen heute?

Bei unterschiedlichen Szenarien der vorliegenden Daten zeigt sich in allen Szenarien ein Wachstum der Namensträgerinnen -und Träger. Ohne Bereinigung der Daten - d.h. ohne verschiedene Namen streng voneinander zu trennen - ist die Zahl der Namensträger von ursprünglich <5 verzeichneten Personen im 16. Jh bis zu Ø 900 Personen zum Ende des 19. Jh. gestiegen. 

Dann kam das 20. Jahrhundert. Krieg, Flucht, Evakuierung und Vertreibung veränderten die gesamte Region. Vieles, was Bestand hatte, wurde 1941 - 1945 dem Erdboden gleich gemacht. Menschen, deren Familien über Generationen in Dörfern oder Städten gelebt hatten, wurden vertrieben oder zwangsevakuiert, über ganz Deutschland und andere Länder verstreut. 

Die Grenzen änderten sich, Ortsnamen verschwanden oder wurden ersetzt, Dokumente und Urkunden gingen verloren und Familien verloren einander aus den Augen; manche Menschen wachten mit einem anderen Namen als Bruder und Eltern, die auch fortan einen anderen Namen hatten, irgendwo in Deutschland auf - ohne eine geringste Ahnung, wie man sich wiederfinden kann. So ging es vielen Familien, auch unserer. 

Eine Familie hört durch all das jedoch nicht auf zu existieren. Ihre Mitglieder leben weiter. So auch Richard und Berta Jagst, welche sich nach dem Krieg 16 Jahre lang in Deutschland gesucht haben, um sich wiederzufinden - 16 Jahre! (Zeitungsartikel General Anzeiger vom 19. Jan. 1961).

Was der Familie auf diese Weise verloren gegangen ist, ist das Wissen über einander. Nicht nur ich habe durch die Trennung meines Vaters von seiner Mutter in der DDR keine Verbindung mehr zu meinen leiblichen Großeltern, Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen u.v.m. Ich musste zudem bitter erkennen, dass die gesamte familiäre Verbindung des scheinbar einst großen Stammes Jagscht´ aus dem Memelland zerbrochen ist.

Viele unserer Namensträger sind heute auf der Suche nach ihrer Verwandtschaft aus dem Memelland. Sie wissen, dass sie existieren, haben jedoch durch die diversen Namensänderungen im Memelland selbst, und den anschließenden diversen Germanisierungen des Namens jedoch bisher kaum Suchansätze.

Aus Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins wurden so Namen, die niemand kennt und von denen niemand mehr weiß. 

Genau an diesem Punkt wurde aus meiner Ahnenforschung etwas Anderes. Ich möchte nicht mehr nur einen Stammbaum für mich selbst erstellen, sondern herausfinden, wer diese Menschen sind und ob sich unsere auseinandergerissene Familie wieder verbinden lässt. 

Lassen sich frühere Familienzweige rekonstruieren? Lassen sich heute lebende Nachkommen wiederfinden? Können Dokumente, Fotografien und Erinnerungen, die heute über viele Familien verteilt sind, wieder zusammengeführt werden? Vielleicht besitzt eine Familie ein Foto, dessen Personen eine andere Familie identifizieren kann. Vielleicht kennt jemand noch einen Ortsnamen, einen Onkel oder eine Großtante, die in keiner bisher gefundenen Akte auftauchen. Manchmal kann eine einzelne Urkunde, ein Brief oder eine Erinnerung genau die Verbindung liefern, die in den Archiven fehlt.

Inzwischen wurden zahlreiche genealogische Einträge, Kirchenbücher, Standesamtsunterlagen, historische Adressbücher, Karten, Zeitungsartikel, Familienüberlieferungen und weitere Quellen ausgewertet und zusammengetragen, modelliert und verschiedene Thesen aufgestellt. Einige Verbindungen sind gut belegt, andere erscheinen wahrscheinlich, wieder andere sind bislang nur Hypothesen.

Genau deshalb entsteht diese Website.

Sie soll die bislang verstreuten Ergebnisse an einem Ort zusammenführen, die Geschichte der Familie dokumentieren, die Entwicklung ihrer Namen untersuchen, Quellen zugänglich machen, offene Fragen sichtbar lassen und Menschen miteinander in Kontakt bringen, deren Familien möglicherweise einmal eng zusammengehörten.

Es geht darum, die Herkunft der Familie zu erfahren, ihre historischen Linien möglichst verlässlich zu rekonstruieren, Dokumente und Erinnerungen zu bewahren und heute lebende Familienzweige wiederzufinden und wiederzuvereinen. 

Wenn Sie selbst oder Ihre Vorfahren einen Namen wie Jagst, Jaxt, Jakszt, Jakštas, Jakstaitis, Jaksteit, Jaxteit, Jackschath, Jackstädt oder eine ähnliche Form tragen und Verbindungen zum historischen Memelland, Preußisch-Litauen oder Ostpreußen bestehen, freuen wir uns über Ihren Kontakt. Auch scheinbar kleine Hinweise können wichtig sein: alte Familiennamen, Orte, Fotografien, Briefe, Urkunden, Stammbäume oder überlieferte Geschichten. Jede zusätzliche Information kann helfen, ein weiteres Stück dieser Familiengeschichte wieder greifbar zu machen.

NEWS: Im Zuge meiner Forschung habe ich die leiblichen Verwandten meines Vaters gefunden.

Es ist die Linie der "Erna Frieda Kaiser" und des "Max Wilhelm Jagst" aus Timstern. 
https://ofb.genealogy.net/famreport.php?ofb=memelland&ID=I74797&lang=de  //
https://ofb.genealogy.net/famreport.php?ofb=memelland&ID=I463275&lang=de 

Ich danke allen, die mich bei der Suche untersützt haben und freue mich jetzt darauf, meine eindeutigen Verwandten kennenzulernen.

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